Gründung: Avatar bietet Orientierung

Kristina Pelz, Leiterin der betriebswirtschaftlichen Unternehmensberatung der Handwerkskammer, beantwortet im MUTIG Magazin die wichtigsten Fragen rund um den digitalen Assistenten.

Digitale Erstberatung

MUTIG: Der Schritt in die Selbstständigkeit beginnt oft mit der Frage „Wo fange ich am besten an“?

Kristina Pelz: Das stimmt. Der Weg in die Selbstständigkeit ist ein Prozess, bei dem viele Entscheidungen getroffen und Formalitäten erledigt werden müssen. Damit man dabei den Überblick nicht verliert, haben wir einen Gründungs-Avatar entwickelt. Er richtet sich an alle, die sich im Handwerk selbstständig machen möchten – egal, ob durch Neugründung oder Betriebsübernahme. Und das Beste daran: Man kann einfach starten – ohne Vorbereitung, ohne Termin.

MUTIG: Wie genau muss ich mir den Gründungs-Avatar vorstellen?

Kristina Pelz: Der Gründungs-Avatar ist ein digitales Beratungstool der Handwerkskammer. Es handelt sich dabei um einen KI-basierten, virtuellen Berater, der Fragen entgegennimmt und beantwortet. Der Avatar versteht gesprochene Sprache und antwortet ebenfalls in Echtzeit per Audio. Die Nutzung ist bewusst einfach gehalten: Interessierte können nach einer kurzen Registrierung direkt starten und ihre individuellen Fragen stellen. Ein Gespräch dauert in der Regel nur wenige Minuten, kann jederzeit unterbrochen und später weitergeführt werden. Im Anschluss erhalten Nutzerinnen und Nutzer eine Zusammenfassung der Antworten per Mail sowie die Kontaktdaten eines HWK-Mitarbeitenden, um sich ausführlicher beraten zu lassen.

„Der Gründungs-Avatar bietet erste Orientierung bei der Gründung eines Unternehmens oder einer Betriebsnachfolge. Er beantwortet Fragen, strukturiert Gedanken und hilft, die nächsten Schritte zu planen.“

Kristina Pelz, Leiterin der HWK-Unternehmensberatung

Typische Beratungsthemen

MUTIG: Welche Fragen beantwortet der Avatar?

Kristina Pelz: Unser digitaler Assistent beantwortet typischen Einstiegsfragen, mit denen sich nahezu jede und jeder Gründungswillige zu Beginn beschäftigt. Dazu gehören folgende Themen:

  • Finanzierung & Fördermittel
    Wie finanziere ich eine Betriebsübernahme?
    Welche Fördermöglichkeiten gibt es?
    Welche Förderprogramme passen zu meinem Vorhaben?
  • Businessplan
    Was macht einen guten Businessplan aus?
    Wie detailliert muss er sein?
  • Formale Anforderungen
    Anmeldung, Genehmigungen, Eintragung – was ist wirklich notwendig?
  • Betriebsübernahme
    Was ist anders als bei einer Neugründung?
    Worauf ist zu achten?

„Uns ist wichtig, dass der Gründungs-Avatar klare und verständliche Antworten liefert – kein komplizierter Fachjargon.

– Kristina Pelz

MUTIG: Diese Fragen können auch von den Beraterinnen und Beratern der Handwerkskammer in einem persönlichen Gespräch beantwortet werden. Warum ist zusätzlich ein Avatar notwendig?

Kristina Pelz: Eins vorweg: So hilfreich der Avatar ist, er ersetzt nicht die persönliche Beratung. Sobald aus einer Idee ein konkretes Vorhaben wird, begleiten unsere Mitarbeitenden die nächsten Schritte und geben erfahrungsbasierte Handlungsempfehlungen. Aber unser digitaler Assistent kann Hemmschwellen senken und in der Orientierungsphase einen unkomplizierten Einstieg bieten. Zudem wird er den veränderten Bedürfnissen gerecht. Informationen müssen heute schnell verfügbar und leicht konsumierbar sein. Viele wünschen sich eine Beratung, die auch unabhängig von Öffnungszeiten funktioniert. Diesen Service erfüllt unser digitaler Assistent. Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zu einer allgemeinen Internetsuche erhalten Nutzerinnen und Nutzer speziell auf das Handwerk zugeschnittene Informationen – ohne lange recherchieren und sich durch unzählige Webseiten klicken zu müssen.

„So nützlich digitale Tools sind, sie ersetzen nicht die individuelle Beratung. Unser Avatar vermittelt erste Grundlagen. Sobald das Gründungs- oder Übernahmevorhaben konkreter wird, kommen die Beraterinnen und Berater der Handwerkskammer ins Spiel.“

– Kristina Pelz

Jederzeit erreichbar

MUTIG: Der Avatar kann also jederzeit und ortsunabhängig genutzt werden. Wo genau finde ich den digitalen Berater?

Kristina Pelz: Unseren Gründungs-Avatar finden Interessierte auf der Website des MUTIG-Magazins sowie auf der Internetseite der Handwerkskammer Düsseldorf. Dort ist er Tag und Nacht erreichbar. Die Nutzung erfolgt datenschutzkonform: Persönliche Angaben werden ausschließlich für die Kontaktaufnahme im Rahmen der Beratung verwendet. Wer mit dem Gedanken spielt, ein Unternehmen im Handwerk zu gründen oder einen Betrieb zu übernehmen, sollte unseren digitalen Assistenten ausprobieren. Selbstständigkeit beginnt mit einem ersten Schritt. In diesem Sinne: Einfach reinklicken, Fragen stellen und Klarheit gewinnen.

MUTIG: Vielen Dank für die Erläuterungen.




Schaufenster in die Werkstatt

Vor ihrer Selbstständigkeit arbeitete Tabea als angestellte Goldschmiedin. Mit zwei Kindern im Grundschulalter war der klassische Arbeitsalltag allerdings immer weniger mit dem Familienleben vereinbar. „Für mich war irgendwann klar: Wenn ich diesen Beruf weiter ausführen möchte, muss ich etwas eigenes machen.“ Zunächst richtete sie sich eine kleine Werkbank in der Abstellkammer ihrer Wohnung ein und fertigte Schmuckstücke für Freunde und Bekannte. Dass ein eigenes Atelier entstehen würde, zeichnete sich schnell ab. Ein großer Vorteil: Tabea stammt aus Flingern und ist im Viertel gut vernetzt. Viele Freunde unterstützten sie beim Aufbau, manche wurden ihre ersten Kunden.

„Mund-zu-Mund-Propaganda ist für uns das Wichtigste.“

– Tabea Kamper

Gründung mit viel Einsatz und wenig Kapital

Von Anfang an wollte Tabea ihre Selbstständigkeit möglichst unabhängig aufbauen. Große Kredite nahm sie daher bewusst nicht auf. Zum Start standen gerade einmal 3.000 Euro zur Verfügung. Einen wichtigen Baustein bildete der Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit. Dafür brauchte Tabea einen Businessplan, Planungsrechnungen und die Stellungnahme einer fachkundigen Stelle. „Nachdem ich mit einer vorherigen Beratung unzufrieden gewesen war, wandte ich mich an die Betriebswirtschaftliche Beratung der Handwerkskammer Düsseldorf. Dort wurden alle für den Zuschuss erforderlichen Unterlagen noch einmal genau geprüft, optimiert und die geforderte Stellungnahme ausgestellt“, berichtet Tabea. Die Arbeit hat sich gelohnt und Tabea erhielt den Gründungszuschuss. Sechs Monate lang wurde ihr Arbeitslosengeld weitergezahlt, zusätzlich erhielt sie einen Zuschuss für Sozialabgaben.

Neues Leben für alte Schmuckstücke

Vieles im Atelier entstand in Eigenarbeit: Werkbänke, Theke und Regale wurden selbst gebaut. Die meisten Werkzeuge hatte sie über die Jahre bereits angeschafft. Schließlich fand sie durch Zufall ein kleines Ladenlokal mit großem Schaufenster in Flingern – bezahlbar und mitten im Viertel. Genau dieses Schaufenster wurde Teil des Konzepts: Passanten können der Goldschmiedin und ihrem Team bei der Arbeit zusehen. „Dass ständig jemand reinschaut und unsere handwerkliche Arbeit beobachtet, finde ich schön“, sagt Tabea und lacht. „Aber man darf nicht zu direkt zurückschauen, dann fühlen sich die Leute ertappt.“



Im Atelier Goldfisch entstehen vor allem individuelle Auftragsarbeiten. Häufig bringen Kundinnen und Kunden Ringe, Ketten oder sogar Uhren mit, die längst nicht mehr getragen werden. Das Material wird eingeschmolzen, neu legiert und zu modernen Schmuckstücken verarbeitet. So entstehen aus alten Erbstücken neue Ringe, Anhänger oder Ohrringe. Auch Reparaturen und Anpassungen gehören zum Alltag in der Werkstatt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Beratung. Viel Zeit verbringt Tabea im Gespräch mit ihren Kunden. „Ich habe am Anfang unterschätzt, wie wichtig dieser Teil ist“, sagt sie.

„Man muss sich in die Vorstellungen der Kunden hineinversetzen, emphatisch sein.“

– Tabea Kamper

Ein kleines Team und viel Unterstützung

Unterstützt wird Tabea von ihrem Lebensgefährten Fabian. Anfangs hielt er mit seinem Einkommen dem jungen Unternehmen finanziell den Rücken frei, heute arbeitet er selbst im Betrieb mit. Er kümmert sich um Buchhaltung, Versand und Lieferantenkontakte und packt auch handwerklich mit an. „Quasi das Mädchen für alles“, sagt er schmunzelnd. Seit Dezember gehört außerdem Goldschmiedemeister Uwe zum Team, der selbst viele Jahre selbstständig war. Auch Julian, der Objektdesign an der Hochschule Düsseldorf studiert, arbeitet regelmäßig in der Werkstatt mit.

Ein Atelier, das sich herumspricht

Viel Werbung für ihr Geschäft hat Tabea bis heute nicht gemacht – oder besser gesagt: machen müssen. Die meisten Kundinnen und Kunden kommen über Empfehlungen. „Mund-zu-Mund-Propaganda ist für uns das Wichtigste“, sagt sie. „Manchmal werden wir schon weiterempfohlen, bevor das Schmuckstück überhaupt fertig ist.“ Für Aufmerksamkeit sorgte auch die Eröffnung: Statt einer kleinen Feier veranstaltete das Team ein Straßenfest, von dem die Nachbarschaft heute noch erzählt. Auf die Frage, ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit jemals bereut habe, muss Tabea nicht lange überlegen: „Selbstständig zu sein bedeutet für mich, meine Arbeit so organisieren zu können, dass ich für meine Kinder da sein kann und ihnen gerecht werde“, sagt sie. „Wie könnte ich das bereuen?“

„Selbstständigkeit ist für mich Freiheit!“

– Tabea Kamper




Aus Lehmkuhl wird Lehmann

Dass er sich eines Tages selbstständig machen würde, stand für Felix Lehmann schon früh fest. Dass es eine Betriebsübernahme sein sollte, kristallisierte sich im Laufe der Zeit heraus. Aus guten Gründen: „Ein bestehendes Unternehmen ist am Standort bekannt und hat einen festen Kundenstamm“, so der gebürtige Rheinländer. „Eine Neugründung wäre für mich nur als Notlösung in Frage gekommen. Schließlich muss man es erstmal schaffen, sich auf dem Markt zu behaupten.“

„Heute steht mein Name an der Firmentür und ich bin voller Stolz.“

-Felix Lehmann

Eine passende Gelegenheit bot sich schon bald: Über sein persönliches Netzwerk erfuhr Felix Lehmann, dass Johann Lehmkuhl einen Nachfolger für seinen Betrieb in Voerde suchte. Die Chemie zwischen Alt und Jung stimmte und so bot der bisherige Inhaber Felix an, schon während der Meisterfortbildung stundenweise als Geselle im Betrieb einzusteigen und sich in die betrieblichen Belange einzuarbeiten. Unter dem Motto „Aus Lehmkuhl wird Lehmann. 4 Buchstaben die sich ändern – für Sie ändert sich nichts“ übernahm Felix Lehmann 2020 schließlich den Betrieb von seinem Vorgänger.



Weichen für die Zukunft stellen

Wenngleich die Betriebsübernahme den Start in die Selbstständigkeit erleichtert hat, musste sich auch Felix Lehmann wie viele Neuunternehmerinnen und Neuunternehmer verschiedenen Herausforderungen stellen. „In meinem Fall war der zu übernehmende Betrieb nicht digital aufgestellt“, berichtet der junge Familienvater. „Um die Digitalisierung voranzutreiben und den Betrieb zukunftsfähig zu gestalten, habe ich zunächst die IT umgestellt, Arbeitsprozesse umstrukturiert und die Büros umgebaut.“ Auch die Mitarbeitenden brauchten Zeit, um sich auf den neuen, jungen Chef und seine Ideen einzustellen. „Mit meinem Fachwissen als Meister konnte ich mich aber beweisen.“

Experten-Einschätzung einholen

Heute steht sein Name an der Firmentür. Das erfüllt Felix Lehmann zurecht mit Stolz. Bei seinem Start ins Unternehmertum hat er sich Hilfe bei der Handwerkskammer Düsseldorf geholt. Hier bekam er Unterstützung bei der Erstellung des Businessplans und eine objektive Einschätzung zur Umsetzbarkeit seiner Ideen. „Wenn ich einmal Feuer gefangen habe, bin ich nur schwer zu bremsen. Meine Beraterin bei der Handwerkskammer hat mir geholfen, Alternativen abzuwägen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Dies hat zu einer erfolgreichen Übernahme und einer zukunftsfähigen Ausrichtung des Betriebs beigetragen. In den vergangenen Jahren ist die Lehmann SHK GmbH stetig gewachsen: „Ich habe den Betrieb mit acht Mitarbeitenden übernommen. Die gute Auftragslage hat dazu geführt, dass es heute 14 sind. Darauf bin ich sehr stolz.“




Raus aus der Komfortzone

Das Handwerk des Fliesenlegens hat Michael Mones nicht nur gelernt – er hat es gelebt. In den vergangenen 30 Jahren durchlief er sämtliche Stationen der Branche. Seine Karriere begann mit einer klassischen Ausbildung, und schnell wurde klar: Hier hat jemand seine Leidenschaft für das Handwerk gefunden. Es folgten Weiterbildungen, darunter der Erwerb des Meistertitels, und schließlich ein Studium zum Diplom-Bauingenieur. Trotz des Ingenieurtitels zog es ihn jedoch nie ausschließlich ins Büro. Praktische Erfahrungen waren für ihn immer mindestens genauso wichtig wie theoretisches Wissen. So betreute er über viele Jahre Projekte sowohl in Deutschland als auch im Ausland.

Entscheidung mit Herz und Verstand

Vor seinem Schritt in die Selbstständigkeit hatte Michael Mones eine Position inne, um die ihn viele beneiden würden: Als Global Productmanager eines renommierten bauchemischen Unternehmens war er über elf Jahre für den Bereich Fliesentechnik verantwortlich und Mitglied des Management-Teams. Ein Job, der sowohl finanziell attraktiv war als auch mit viel Verantwortung verbunden war. So war selbst sein Bankberater überrascht, als er ihm von seinem Vorhaben, einen eigenen Fliesenlegerbetrieb zu gründen, berichtete. „Warum wollen Sie mit 47 Jahren nochmal bei null anfangen, wenn Sie eine so sichere und gut bezahlte Position haben?“

Mein Herz schlägt für das Handwerk. Wenn ich es jetzt nicht tue, wann dann?

– Michael Mones

Der Entschluss zur Selbstständigkeit war indes weniger ein finanzieller, sondern vielmehr ein persönlicher. „Natürlich hätte ich weiterhin in meinem Job bleiben können. Doch ich wollte die Freiheit haben, Entscheidungen zu treffen, meine eigenen Projekte zu gestalten und wieder näher am Kunden zu sein“, erklärt der Fliesenlegermeister. Da er zudem einen überzeugenden Businessplan vorlegen konnte, war ihm die Unterstützung durch seine Bank zur Finanzierung seines Vorhabens sicher.



Ein Vorbild für andere

Bereits wenige Monate nach der Gründung war Michael Mones mit einer Vielzahl von Aufträgen beschäftigt und konnte so seine Selbstständigkeit erfolgreich aufbauen. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt er mit einem Lächeln. „Ich stehe wieder selbst auf der Baustelle, habe direkten Kontakt zu meinen Kunden und kann meine Expertise in jedem Projekt einbringen.“ Mit seinem Mut, sich in einem Alter, in dem viele auf Sicherheit und Beständigkeit setzen würden, noch einmal selbstständig zu machen, ist Michael Mones ein Vorbild für all jene, die glauben, dass es „zu spät“ für große Veränderungen sei. „Ein erfülltes Berufsleben muss nicht zwangsläufig in den typischen Karrieremustern verlaufen“, resümiert Mones. „Manchmal braucht es Entschlossenheit, das zu tun, wofür man wirklich brennt.“

„Ein erfülltes Berufsleben muss nicht zwangsläufig in den typischen Karrieremustern verlaufen.“

– Michael Mones

Aufbau eines zweiten Standbeins

Auch wenn der Fokus derzeit voll und ganz auf dem Fliesenlegerhandwerk liegt, macht sich Michael Mones bereits Gedanken über seine langfristige berufliche Laufbahn. Die körperliche Belastung eines handwerklichen Berufes ist ihm bewusst. Daher plant er vorausschauend. „Für die Zeit, in der ich meiner handwerklichen Tätigkeit selbst nicht mehr vollumfänglich nachgehen kann, möchte ich mir ein zweites Standbein als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger aufbauen“, erläutert der Unternehmer. Er zeigt damit, dass er nicht nur im Hier und Jetzt handelt, sondern auch langfristig sein Auskommen sichern und seiner Leidenschaft für das Handwerk nachgehen will. Mit seiner umfassenden Branchen- und Berufserfahrung als Diplom-Bauingenieur bringt er für die beratende Funktion als Gutachter die besten Voraussetzungen mit.

Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger kann ich mein Wissen und meine Erfahrungen einbringen und die körperlichen Belastungen der täglichen, handwerklichen Arbeit reduzieren.“

– Michael Mones